Die Ankündigung des The Witcher Remake im Herbst 2022 sorgte für große Aufregung in der Gaming-Community. Entwickelt wird das Projekt von Fool’s Theory, einem Studio, das sich überwiegend aus ehemaligen CD-Projekt-Entwicklern zusammensetzt und bereits mit The Thaumaturge bewiesen hat, dass man komplexe narrative RPGs beherrscht. Doch nun meldet sich eine der prägendsten Stimmen der Witcher-Geschichte zu Wort: Artur Ganszyniec, der Lead Narrative Designer des Originals aus dem Jahr 2007, hat sich während eines Let’s Plays zu einem kontroversen Thema geäußert – dem gestrichenen offenen Ende des ersten Teils.
Der Epilog, der niemals so gedacht war
Ganszyniec, der maßgeblich an der Geschichte des ersten Witcher beteiligt war, spielte das Spiel in einem 26-teiligen YouTube-Format erneut durch – das erste Mal seit fast 20 Jahren. Dabei kam er auch auf den Epilog zu sprechen, für den er weitgehend verantwortlich zeichnet. Was er preisgab, dürfte selbst langjährige Fans überraschen.
Ursprünglich sollte The Witcher nicht mit der bekannten CGI-Sequenz enden, die den Mordanschlag auf König Foltest zeigt und direkt zu den Ereignissen von The Witcher 2: Assassins of Kings überleitet. Stattdessen war ein spielbarer, offener Epilog geplant, der Spielern die Möglichkeit geben sollte, die Welt weiter zu erkunden und Geralt als Charakter tiefer kennenzulernen.
“Das war wirklich dummes Design”, räumte Ganszyniec selbstkritisch ein, als er während seines Playthroughs auf spielerische Unstimmigkeiten stieß. “Ich habe nur mich selbst zu beschuldigen für alles, was hier passiert.” Der Epilog entstand quasi in letzter Minute, nachdem Projektleiter Jacek Brzeziński beschloss, zusätzliche Zeit für einen würdigen Abschluss zu finden. Ganszyniec und Brzeziński arbeiteten dabei nächtelang neben ihren regulären Entwicklungsaufgaben.
Wie “The Board” das Ende überstülpte
Die Entscheidung, das offene Konzept zu verwerfen und stattdessen eine aufwendige CGI-Sequenz einzubauen, fiel laut Ganszyniec auf höchster Ebene – ohne die Drehbuchautoren zu konsultieren. “Während wir das Spiel fertigstellten, entschied jemand – das Board oder Michał Kiciński – dass wir einen animierten Abspann brauchen”, erklärte er. Das Skript dafür wurde “ohne wirkliche Einbindung des Story-Teams” erstellt.
Für Ganszyniec war dies ein gravierender Fehler: “Das war ein Fehler, denke ich. Diese Animation erzählt eine andere Geschichte als die Outro-Bilder, denn Geralt ist immer noch in Vizima und steckt tief in politischen Intrigen, weil jemand versucht, Foltest zu töten. Und dieser Jemand, wie ihr sehen werdet, ist ein Witcher.”
Die Konsequenzen dieser Entscheidung waren weitreichend. Das Ende zwang The Witcher 2 in eine bestimmte Richtung: “Es wurde offensichtlich, dass das nächste Spiel darauf aufbauen und eine Geschichte über Witcher erzählen muss, die aus irgendeinem Grund Könige töten. Deshalb ist der zweite Witcher sehr politisch und lässt nicht viel Raum, um zu erforschen, wer Geralt ist, seine Familie, seine Geschichte und so weiter.”
Was das Remake anders machen könnte
Mit Blick auf das bevorstehende Remake äußerte Ganszyniec den Wunsch, dass CD Projekt Red und Fool’s Theory das ursprüngliche Konzept des offenen Epilogs wieder aufgreifen. Einerseits ergibt das Setzen von Ereignissen für eine Fortsetzung natürlich Sinn, andererseits hätte ein offenes Ende den Spielern mehr Freiheit geboten.
Ob das Remake tatsächlich von diesem Vorschlag Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten. Schließlich müsste eine solche Änderung auch zu The Witcher 2 passen, dessen Story direkt auf der CGI-Sequenz aufbaut. Ganszyniec selbst hofft vor allem, “dass es ein wirklich gutes Spiel wird”.
Entwicklungsstatus: Geduld wird gefragt
Wer auf das Remake wartet, muss sich noch etwas gedulden. Laut einem Finanzbericht der polnischen Investmentbank Noble Securities wurde das Projekt auf 2028 verschoben. Ursprünglich war ein Release im Jubiläumsjahr 2027 angestrebt gewesen – das wäre das 20-jährige Bestehen der Witcher-Spielereihe gewesen.
Ein Grund für die Verzögerung ist die Umstrukturierung innerhalb der Entwicklungsstudios. Teile des Teams von Fool’s Theory wurden auf The Witcher 4 umverteilt, dessen Veröffentlichung Ende 2027 erwartet wird. Das Budget für den vierten Teil soll dabei auf beeindruckende 800 Millionen Dollar steigen – inklusive Marketing deutlich mehr als die geschätzten 441 Millionen Dollar für Cyberpunk 2077.
Technischer Neuanfang mit Unreal Engine 5
Das Remake wird technisch komplett neu aufgebaut. Statt der ursprünglichen Aurora Engine von BioWare setzt das Projekt auf die Unreal Engine 5. Dies ermöglicht nicht nur visuelle Modernisierungen, sondern auch spielmechanische Verbesserungen. Das Toolset, das CD Projekt Red für die neue Witcher-Saga entwickelt, wird auch im Remake zum Einsatz kommen.
Für Fool’s Theory ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Zahlreiche Veteranen des Studios haben bereits an The Witcher 2 und The Witcher 3 mitgewirkt. “Ich bin sehr glücklich, dass sich meine beruflichen Wege wieder mit Entwicklern gekreuzt haben, mit denen ich zusammen an The Witcher 2 und The Witcher 3 gearbeitet habe”, sagte CEO Jakub Rokosz bei der Ankündigung. “Besonders wenn es um ein Remake eines Projekts geht, das uns so am Herzen liegt.”
Die Witcher-Trilogie: Ein ehrgeiziger Plan
CD Projekt Red plant nicht nur das Remake und den vierten Teil, sondern gleich eine komplette neue Trilogie. Alle drei Spiele sollen innerhalb von sechs Jahren nach dem Release von The Witcher 4 erscheinen. Das Studio arbeitet dafür eng mit Epic Games zusammen, um die Unreal Engine 5 für große Open-World-Erfahrungen zu optimieren.
Joint-CEO Michał Nowakowski betonte kürzlich, dass die Produktion von The Witcher 4 “in vollem Gange” sei, aber 2026 nicht mit einem Release gerechnet werden könne. Das Team für den vierten Teil ist inzwischen auf 447 Entwickler angewachsen – die überwiegende Mehrheit der Belegschaft.
Gerüchte um Witcher 3 DLC: Ein Trostpflaster?
Während das Remake weiter entfernt rückt, kursieren Gerüchte über mögliche neue Inhalte für The Witcher 3: Wild Hunt. Polish Games-Insider Borys Niespielak behauptet, dass Fool’s Theory an einer dritten Erweiterung arbeite – erstmals seit dem Next-Gen-Update von 2022.
Analyst Mateusz Chrzanowski von Noble Securities erwartet den DLC für Mai 2026 zu einem Preis von rund 30 Dollar. Dieser könnte als Brücke zu The Witcher 4 dienen und möglicherweise Ciris Witcher-Transformation thematisieren. CD Projekt Red selbst hat die Gerüchte weder bestätigt noch dementiert, was die Spekulationen weiter anheizt.
Warum das Remake mehr als Nostalgie ist
Das Original The Witcher aus dem Jahr 2007 war der Grundstein für eines der erfolgreichsten RPG-Franchises der Gaming-Geschichte. Mit über 75 Millionen verkauften Einheiten der gesamten Serie hat CD Projekt Red bewiesen, dass narrative Tiefe und moralische Komplexität im Mainstream funktionieren können.
Für neue Spieler ist das Remake die Chance, die Ursprünge von Geralts Geschichte zu erleben, ohne die technischen Limitierungen des Originals hinnehmen zu müssen. Für Fans bietet es die Möglichkeit, eine vertraute Welt mit frischen Augen zu sehen – möglicherweise sogar mit einem alternativen Ende, das vor fast 20 Jahren verworfen wurde.
Was Fans erwarten können
Bis zum Release 2028 bleibt noch viel Zeit für Spekulationen. Sollte Ganszyniecs Wunsch nach einem offenen Epilog Gehör finden, würde das Remake nicht nur technisch, sondern auch narrativ einen eigenen Standpunkt einnehmen. Die Frage ist, ob CD Projekt Red bereit ist, die etablierte Kontinuität der Serie für ein Experiment aufzuweichen.
Eines ist jedoch sicher: Mit Fool’s Theory hat das Projekt ein erfahrenes Studio an der Spitze, das die Witcher-Welt versteht und gleichzeitig frische Perspektiven einbringen kann. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Remake die hohen Erwartungen erfüllen kann – und ob das gestrichene offene Ende tatsächlich eine Renaissance erlebt.