Arcade-Rennspiele hatten es in den letzten Jahren schwer. Zwischen hochdetaillierten Simulationen wie Gran Turismo und dem ewig dominanten Mario Kart blieb kaum Platz für das, was die Gattung einst ausmachte: schnelle Autos, spektakuläre Crashes und pures Adrenalin ohne Anspruch auf Realismus. Milestone, das italienische Studio, das vor allem durch seine Motorrad-Simulationen wie MotoGP und Ride bekannt ist, greift nun tief in die eigene Geschichte und bringt Screamer zurück – ein Franchise, das in den 90ern auf MS-DOS-Rechnern für Furore sorgte. Das Ergebnis ist ein Spiel voller Kontraste, das mutig neue Wege geht, dabei aber nicht immer fehlerfrei bleibt.
Rückkehr einer Legende: Was ist Screamer?
Das originale Screamer erschien 1995 und war seiner Zeit in puncto 3D-Grafik weit voraus. Vergleichbar mit Ridge Racer bot es rasante Rennen mit Fahrzeugschäden und spektakulären Überschlägen – für damalige Verhältnisse eine technische Sensation. Die Nachfolger Screamer 2, Screamer Rally und Screamer 4×4 erweiterten das Konzept, bevor die Reihe in der Versenkung verschwand. Über 30 Jahre später wagt Milestone die Neuinterpretation – und entscheidet sich dabei für einen radikalen Stilwechsel: Statt realistischer Rennwagen gibt es Anime-Charaktere, eine vollwertige Kampagne und ein Kampfsystem, das an Fighting Games erinnert.
Screamer erscheint am 26. März 2026 für PlayStation 5, Xbox Series X/S und PC (Steam, Windows Store, Epic Games Store). Besitzer der Deluxe Edition konnten bereits ab dem 23. März loslegen. Der Preis liegt bei 59,99 Euro auf allen Plattformen.
Das Gameplay: Twin-Stick-Racing mit Kampfmechanik
Das Herzstück von Screamer ist sein ungewöhnliches Steuerungskonzept. Statt klassischer Lenkrad-Simulation setzt das Spiel auf ein Twin-Stick-System: Der linke Analogstick steuert die Grundrichtung, der rechte kontrolliert den Driftwinkel. Wer versucht, eine enge Kurve nur mit dem linken Stick zu nehmen, wird wie ein Wal auf Rollschuhen in die Leitplanke gleiten – das Spiel zwingt zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Drift-System.
Dazu kommt das sogenannte Echo-System, das jedem Fahrzeug besondere Fähigkeiten verleiht. Im Kern funktioniert es über zwei miteinander verknüpfte Anzeigen: Die Sync-Leiste füllt sich durch Driften und perfektes Schalten und kann für einen Geschwindigkeitsboost genutzt werden. Das Verbrauchen der Sync-Leiste wiederum füllt die Entropy-Leiste, die für Angriffe auf Gegner verwendet wird. Wer beide Leisten geschickt managt, kann den sogenannten Overdrive aktivieren – einen Zustand, in dem das Fahrzeug zur unaufhaltsamen Kraft wird, aber bei der kleinsten Kollision mit der Umgebung explodiert. Hohes Risiko, hohe Belohnung.
Jeder der 15 spielbaren Charaktere besitzt zudem eine passive Fähigkeit, die das Fahrgefühl individualisiert. Hiroshi von den Green Reapers kann seinen Boost durch erneutes Drücken verlängern, die irische Roisin führt Angriffe mit halbem Entropy-Verbrauch aus, und Dirk von Anaconda erhält nach einem erfolgreichen Takedown einen verstärkten Strike. Diese Unterschiede machen jeden Charakter auf bestimmten Strecken stärker oder schwächer – und sorgen für Wiederspielwert.
Der Turnier-Modus: Anime-Story trifft Rennspiel
Was Screamer von der Konkurrenz am deutlichsten abhebt, ist sein vollwertiger Story-Modus namens „The Tournament”. Fünf Teams – Green Reapers, Strike Force Romanda, JSI, Anaconda Corp und Kagawa Kai – treten in einem illegalen Renntournier an, dessen Preisgeld 100 Milliarden Dollar beträgt. Hinter dem Turnier steckt ein maskierter Veranstalter, dessen Motive im Laufe der Kampagne enthüllt werden.
Die Cutscenes wurden in Zusammenarbeit mit dem japanischen Animationsstudio Polygon Pictures produziert – bekannt unter anderem durch Arbeiten für Netflix und Disney+. Das Ergebnis ist beeindruckend: handgezeichnete Charaktere kombiniert mit 3D-Fahrzeugrendern, eine mehrsprachige Vertonung (jeder Charakter spricht seine Muttersprache, erklärt durch einen fiktiven Universalübersetzer-Chip) und ein Soundtrack, der mit dem Track „Survive” von Wagamama Rakia bereits in der Eröffnungssequenz für Gänsehaut sorgt.
Die Schwäche des Story-Modus liegt in seiner Struktur: Da alle fünf Teams spielbar sind, verzettelt sich die Handlung in zu viele parallele Erzählstränge. Wer keine Geduld für ausgedehnte Anime-Dialoge mitbringt, könnte bereits in den ersten Stunden abspringen – zumal das Spiel den Spieler direkt in die Kampagne zwingt, bevor der Hauptmenü-Zugang freigeschaltet wird. Wer durchhält, wird jedoch mit einem der ungewöhnlichsten Rennspiel-Narrativen der letzten Jahre belohnt.
Strecken, Fahrzeuge und Spielmodi
Screamer bietet eine Vielzahl an Spielmodi jenseits der Kampagne. Der Arcade-Modus erlaubt vollständig anpassbare Rennen: Spieler können die Füllrate der Power-Leisten verändern, alle Fahrzeuge in den Overdrive-Zustand zwingen oder Angriffe komplett deaktivieren für ein reines Rennspiel-Erlebnis. Hinzu kommen Zeitfahren, Overdrive-Challenges und Online-Rennen mit globalen Bestenlisten.
Besonders hervorzuheben ist der Vier-Spieler-Splitscreen – eine Funktion, die in der heutigen Zeit selten geworden ist und von Kritikern ausdrücklich gelobt wird. Die Strecken selbst sind ein zweischneidiges Schwert: Die offenen, neonbeleuchteten Stadtkurse mit langen Geraden und weiten Kurven sind das Herzstück des Spiels und zeigen Screamer von seiner besten Seite. Die engen, kurvenreichen Strecken hingegen bremsen das Tempo zu stark aus und passen weniger zum Hochgeschwindigkeits-Konzept des Spiels.
Die Fahrzeugdesigns sind ein Highlight: Jedes Auto wirkt wie direkt aus einem 90er-Jahre-Anime entsprungen, mit farbenfrohen Lackierungen, extremen Aerodynamik-Elementen und liebevollen Details wie aufklappbaren Bremslichtern. Das Belohnungssystem hingegen enttäuscht: Kosmetische Items werden zufällig vergeben, ein charakterspezifisches Progressionssystem fehlt.
Screamer im Kritiker-Vergleich: Was sagen die Reviews?
| Medium | Wertung | Plattform | Tenor |
|---|---|---|---|
| IGN | 8 / 10 | Xbox Series X | Einzigartiger Racer mit klarer Identität |
| IGN Italy | 8,5 / 10 | PS5 | Tiefes Fahrsystem, starke Story als Trojanisches Pferd |
| Push Square | 8 / 10 | PS5 | Mutig, aufregend, in seiner eigenen Spur |
| Creative Bloq | 8 / 10 | PS5 | Anime-Stil und Boost-Mechanik begeistern |
| Atomix | 9 / 10 | PS5 | Eines der besten Spiele des Jahres |
| TechRaptor | 9,5 / 10 | – | Purer Adrenalinstoss, fesselnde Story |
| MondoXbox | 6,5 / 10 | Xbox | Gameplay zu simpel, Power-ups enttäuschend |
| Metacritic (PS5) | 77 / 100 | PS5 | Generally Favorable (32 Reviews) |
| OpenCritic | 81 / 100 | Alle | 76 % empfehlen das Spiel |
Screamer vs. die Konkurrenz: Einordnung im Genre
| Spiel | Stil | Kampfsystem | Story-Modus | Splitscreen |
|---|---|---|---|---|
| Screamer (2026) | Anime / Arcade | Ja (Sync/Entropy) | Vollwertig | 4 Spieler |
| Mario Kart World | Cartoon / Kart | Items | Nein | 4 Spieler |
| Burnout Paradise | Realistisch / Arcade | Takedowns | Nein | Nein |
| Ridge Racer (Classic) | Arcade | Nein | Nein | 2 Spieler |
| Blur (2010) | Realistisch / Arcade | Power-ups | Begrenzt | 4 Spieler |
Technische Umsetzung und Barrierefreiheit
Screamer läuft auf der Unreal Engine 5 und sieht entsprechend beeindruckend aus – zumindest in ruhigen Momenten. Bei Vollgas bleibt kaum Zeit, die reflektierenden Pfützen oder den Reifenrauch zu bewundern. Die Performance ist auf allen Plattformen solide, wenngleich einige Kritiker auf Balanceprobleme im Story-Modus hinweisen, die auf PS5 stärker auffallen als auf Xbox.
Positiv hervorzuheben ist das umfangreiche Barrierefreiheits-Paket: Screamer bietet Farbblindheits-Filter, einen Offline-Geschwindigkeitsregler (bis auf 50 % der normalen Spielgeschwindigkeit reduzierbar) und vollständig anpassbare Steuerung für Einhänder-Nutzung. Letzteres ist besonders bemerkenswert, da das Twin-Stick-System eigentlich beide Hände voraussetzt – Milestone hat hier eine clevere Lösung mit Auto-Gas und fusionierter Lenk-/Drift-Steuerung auf einem Stick implementiert.
Milestone und die Rückkehr zum Arcade-Racing: Ein Wagnis mit Kalkül
Milestone wurde 1996 in Mailand gegründet und ist heute vor allem als Spezialist für Motorrad-Simulationen bekannt. Mit Titeln wie MotoGP, Ride und MXGP hat das Studio eine treue, aber überschaubare Fangemeinde aufgebaut. Screamer ist der bislang ambitionierteste Versuch, über diese Nische hinauszuwachsen. Die Zusammenarbeit mit Polygon Pictures, einem der renommiertesten Animationsstudios Japans (bekannt durch Arbeiten für Netflix-Produktionen wie „Knights of Sidonia”), unterstreicht den Anspruch des Projekts.
Dass Milestone ausgerechnet ein eigenes, fast vergessenes Franchise wiederbelebt, anstatt eine neue IP zu schaffen, ist eine bewusste Entscheidung: Der Name Screamer trägt Nostalgiepotenzial für eine Generation von PC-Spielern der 90er, während das komplett neue Gameplay-Konzept jüngere Spieler ansprechen soll. Diese Doppelstrategie geht weitgehend auf – auch wenn die Übergänge zwischen Nostalgie-Hommage und modernem Arcade-Racer nicht immer nahtlos sind.
Stärken und Schwächen auf einen Blick
- Stärken: Einzigartiges Twin-Stick-Fahrsystem mit hohem Skill-Ceiling
- Stärken: Beeindruckende Anime-Optik und professionelle Cutscenes (Polygon Pictures)
- Stärken: Vollwertiger Story-Modus mit 15 spielbaren Charakteren
- Stärken: Vier-Spieler-Splitscreen in 2026 – eine Seltenheit
- Stärken: Umfangreiche Barrierefreiheits-Optionen
- Schwächen: Enge, kurvenreiche Strecken bremsen das Tempo zu stark
- Schwächen: Story-Modus mit zu vielen parallelen Erzählsträngen
- Schwächen: Belohnungssystem basiert auf Zufallsprinzip (RNG)
- Schwächen: Schwankende Schwierigkeitskurve im Turnier-Modus
Screamer 2026: Ein Arcade-Racer, der seinen eigenen Weg geht
Screamer ist kein perfektes Spiel – aber es ist ein mutiges. In einer Zeit, in der Rennspiele entweder auf maximalen Realismus oder auf bewährte Kart-Formeln setzen, wagt Milestone etwas Seltenes: ein Arcade-Rennspiel mit echtem Charakter, einer vollwertigen Geschichte und einem Gameplay-System, das sich von allem Bekannten unterscheidet. Die Kritiker sind sich weitgehend einig: Wer sich auf Screamer einlässt, wird mit einem der ungewöhnlichsten und befriedigendsten Rennspiele der letzten Jahre belohnt. Wer schnelle Zugänglichkeit und ein ausgewogenes Progressionssystem erwartet, könnte hingegen frustriert werden. Für Fans von Arcade-Racing, Anime-Ästhetik und anspruchsvollen Spielsystemen ist Screamer im März 2026 die erste Pflichtanschaffung des Jahres.