Kaum ein Spieletitel hat die Gaming-Branche in den vergangenen zwölf Monaten so beschäftigt wie MindsEye von Build a Rocket Boy (BARB). Was als ambitioniertes AAA-Projekt des ehemaligen GTA-Produzenten Leslie Benzies begann, entwickelte sich zu einem der teuersten und öffentlichkeitswirksamsten Misserfolge der Spielegeschichte. Nun meldet sich Co-CEO Mark Gerhard erneut zu Wort – und kündigt eine ungewöhnliche Maßnahme an: Eine neue Spielmission soll der Community handfeste Beweise für eine gezielte Sabotagekampagne präsentieren, noch bevor die Justiz tätig wird.
Der Absturz: Zahlen, die für sich sprechen
MindsEye erschien am 10. Juni 2025 für PC, PS5 und Xbox Series X/S – und scheiterte auf ganzer Linie. Die Kritiken waren vernichtend, die technischen Probleme massiv und die Spielerzahlen brachen innerhalb weniger Wochen auf ein historisches Tief ein. Ein Blick auf die nackten Zahlen verdeutlicht das Ausmaß des Desasters:
| Kennzahl | Wert | Einordnung |
|---|---|---|
| Metacritic-Score (PC) | 37 / 100 | Schlechtester Wert aller 2025er AAA-Titel |
| Metacritic User Score | 2,5 / 10 | „Mostly Negative” auf Steam |
| Steam Peak CCU (Launch) | ca. 3.300 gleichzeitige Spieler | Innerhalb eines Monats unter 20 CCU |
| Geschätzte Verkäufe (gesamt) | ca. 160.000 Einheiten | Interne Prognose: 500.000 allein auf PC |
| Investitionsvolumen | über 233 Mio. GBP (~270 Mio. USD) | Mehr als das GTA-V-Entwicklungsbudget |
| Entlassungen (Juli 2025) | ca. 300 Mitarbeiter (~75 % der Belegschaft) | Gewerkschaftsklage durch IWGB eingereicht |
Zum Vergleich: GTA V wurde mit einem Budget von rund 170 Millionen Pfund entwickelt und hat bis heute über 8 Milliarden US-Dollar eingespielt. MindsEye erzielte mit mehr als dem 1,3-fachen Budget einen geschätzten Bruttoerlös von unter 10 Millionen US-Dollar.
Mission Blacklist: Beweise im Spiel statt vor Gericht
In einem Interview mit GamesBeat räumte Co-CEO Mark Gerhard erstmals öffentlich ein, dass Build a Rocket Boy den „wohl schlechtesten Launch der Geschichte” hingelegt habe – und dass die Verantwortung dafür beim Studio liege. Gleichzeitig bekräftigte er jedoch seine bereits im vergangenen Jahr erhobenen Vorwürfe einer gezielten Sabotagekampagne gegen MindsEye.
Als Reaktion darauf arbeitet das Team aktuell an der In-Game-Mission „Blacklist”. Diese soll zu einem späteren Zeitpunkt in das Spiel integriert werden und der Community auf spielerische Weise Beweise für die angebliche Sabotage präsentieren – inklusive der Namen vermeintlicher Verantwortlicher.
„Wir nutzen dies auch, um der Community einige der Beweise für die Sabotage mitzuteilen”, erklärte Gerhard gegenüber IGN. „Lasst uns ein bisschen Spaß damit haben. Lasst uns der Community die Geschichte erzählen, noch bevor sie vor Gericht ausgetragen wird. Das ist also nicht unsere Rolle als Opfer.”
Gerhard weiter: „Wir haben ein paar Schläge eingesteckt. Wir haben immer wieder die andere Wange hingehalten, während wir unser Haus in Ordnung brachten. Und jetzt ist es an der Zeit, das mit Judo direkt auf sie zurückzuwerfen. Am Ende des Tages sind wir Geschichtenerzähler, wir sind Spielemacher.”
Vorwürfe und Gegenvorwürfe: Was bisher bekannt ist
Die Sabotage-Vorwürfe sind nicht neu. Bereits vor dem Launch im Mai 2025 behauptete Gerhard in einem Discord-Q&A, dass negative Vorberichterstattung Teil einer „bezahlten Kampagne eines Dritten” gewesen sei. Nach dem Launch beschuldigte Co-CEO Leslie Benzies in einem internen All-Hands-Meeting sowohl interne als auch externe Akteure, MindsEye durch den Einsatz von Spam-Bots und bezahlten Influencern bewusst beschädigt zu haben.
Konkret behauptet Gerhard, dass ein „sehr großes amerikanisches Unternehmen” im Jahr 2025 über eine Million Euro für kriminelle Aktivitäten gegen BARB ausgegeben habe – darunter Zahlungen an die britische Influencer-Agentur Ritual Network sowie an drei namentlich nicht genannte Journalisten und einzelne BARB-Mitarbeiter. Ritual Network wies die Vorwürfe entschieden zurück.
Der ehemalige Publishing-Partner IO Interactive – bekannt durch die Hitman-Reihe – beendete im März 2026 die Zusammenarbeit mit Build a Rocket Boy und wies alle Anschuldigungen als unbegründet zurück. Ein geplanter Hitman-DLC für MindsEye wurde damit ebenfalls hinfällig.
Behörden eingeschaltet: Ermittlungen in Großbritannien und den USA
Gerhard erklärte im Interview, dass sein Studio über „sehr starke Beweise” verfüge und seit dem Launch gründliche Untersuchungen durchgeführt habe. „Wir haben die beteiligten Parteien identifiziert und die Angelegenheit liegt nun in den Händen der Behörden in Großbritannien und den USA”, so Gerhard. „Ich kann bestätigen, dass sie uns bei dieser Untersuchung unterstützen.”
Gleichzeitig betonte er, dass man der Justiz ihren natürlichen Lauf lassen wolle: „Wir überlassen es ihnen, ihre Arbeit zu tun, ihre Verhaftungen vorzunehmen oder zu gegebener Zeit Ankündigungen zu machen.”
Bisher blieben jedoch öffentlich zugängliche, unabhängig verifizierbare Beweise aus. IO Interactive sowie alle anderen beschuldigten Parteien bestreiten die Vorwürfe.
Hintergrund: Wie es zum Desaster kam
Um die aktuelle Situation einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Entstehungsgeschichte von MindsEye. Build a Rocket Boy wurde 2018 in Edinburgh von Leslie Benzies gegründet, der zuvor als Produzent bei Rockstar North maßgeblich an GTA III, Vice City, San Andreas, GTA IV und GTA V beteiligt war. Das ursprüngliche Kernprojekt war Everywhere, eine Art „Erwachsenen-Roblox” – eine offene Multiplayer-Plattform mit eigenen Kreativwerkzeugen. MindsEye sollte zunächst als Showcase-Titel für diese Plattform dienen.
Ehemalige Mitarbeiter berichten von einer chaotischen Entwicklung, die von einem internen System sogenannter „Leslie Tickets” geprägt war: Direktiven von Benzies, die stets absolute Priorität hatten – unabhängig vom aktuellen Entwicklungsstand. Neue Features wurden noch einen Monat vor Release eingebaut, ohne ausreichend getestet zu werden. Das Ergebnis: ein technisch unfertig wirkendes Spiel mit gravierenden Performance-Problemen auf allen Plattformen.
- Auf PC: Selbst High-End-Systeme kämpften bei 1440p mit unter 60 FPS und Stotterern
- Auf PS5 und Xbox Series X: Einbrüche unter 30 FPS in intensiven Szenen
- Auf Xbox Series S: Unscharfe Grafik, ruckeliges Gameplay, Ladezeiten von bis zu einer Minute
- Spielweite Bugs: Eingefrorene KI-Gegner, Abstürze bei Szenenwechseln, fehlerhafte Fahrphysik
PlayStation begann innerhalb weniger Tage nach Launch mit der Ausstellung von Rückerstattungen – ein Schritt, der zuletzt beim Cyberpunk-2077-Debakel im Jahr 2020 notwendig geworden war.
Chronologie eines Krisenfalles
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 10. Juni 2025 | Launch von MindsEye – katastrophale Reviews, technische Mängel, Rückerstattungswelle |
| Ende Juni 2025 | Ankündigung massiver Entlassungen (~300 Mitarbeiter, ~75 % der Belegschaft) |
| Oktober 2025 | Offener Brief von 93 Ex-Mitarbeitern; IWGB-Gewerkschaft klagt wegen Fehlern im Entlassungsprozess |
| Dezember 2025 | Kostenloses Starter Pack veröffentlicht; Studio spricht von „Reset” für die Marke |
| Februar 2026 | Enthüllung: BARB installierte Überwachungssoftware (Teramind) auf Mitarbeiter-PCs ohne Wissen der Belegschaft |
| März 2026 | IO Interactive beendet Publishing-Partnerschaft; Co-Studio wird liquidiert |
| April 2026 | Gerhard kündigt Mission „Blacklist” an; Behörden in UK und USA eingeschaltet |
Kann MindsEye noch gerettet werden?
Build a Rocket Boy verweist intern auf die Erfolgsgeschichten von Cyberpunk 2077 und No Man’s Sky – zwei Titel, die nach katastrophalen Starts durch konsequente Patch-Arbeit zu respektierten Spielen wurden. Doch Branchenbeobachter sehen entscheidende Unterschiede: CD Projekt Red hatte mit The Witcher 3 ein enormes Goodwill-Kapital aufgebaut, Hello Games arbeitete jahrelang still und ohne Schuldzuweisungen an No Man’s Sky. Build a Rocket Boy hingegen hat weder eine vergleichbare Fanbasis noch hat das Studio bisher die Verantwortung klar und ohne Einschränkungen übernommen.
Hinzu kommt: Laut Gerhard selbst erhält MindsEye inzwischen „sehr gute Kritiken” – eine Einschätzung, die angesichts der weiterhin negativen Steam-Bewertungen und des niedrigen Metacritic-Scores zumindest diskussionswürdig ist. Der aktuelle Preis des Spiels liegt bei 10 bis 15 Euro – ein deutlicher Hinweis darauf, wie schwer es das Studio hat, neue Käufer zu gewinnen.
Die Mission Blacklist ist ein kreativer, wenn auch riskanter Schachzug: Sollten die darin präsentierten „Beweise” nicht überzeugend sein oder die Justiz keine Ergebnisse liefern, dürfte der Reputationsschaden für BARB weiter wachsen. Gelingt es hingegen, tatsächlich eine koordinierte Sabotagekampagne nachzuweisen, wäre das ein Wendepunkt – nicht nur für MindsEye, sondern für die gesamte Diskussion über toxische Dynamiken in der Gaming-Industrie.
Was der Fall MindsEye für die Branche bedeutet
Unabhängig vom Ausgang der Sabotage-Vorwürfe ist MindsEye bereits jetzt ein Lehrbeispiel für die Spieleentwicklung. Das Projekt zeigt, dass selbst ein Budget von über 233 Millionen Pfund, ein renommierter Gründer und hunderte talentierte Entwickler kein Erfolgsgarant sind – wenn es an klarer Vision, kollaborativer Führung und der Bereitschaft fehlt, kritisches Feedback anzunehmen.
Für den schottischen Spieleentwicklungsstandort Edinburgh ist der Fall besonders schmerzhaft: BARB war eines der größten Studios der Region. Die Entlassungen und der öffentliche Imageschaden treffen den lokalen Arbeitsmarkt und das Investitionsklima gleichermaßen. Für die rund 300 entlassenen Mitarbeiter – viele davon erfahrene Fachkräfte, die monatelang unbezahlte Überstunden geleistet hatten – bleibt die Situation besonders bitter.