Mit Lost in Random veröffentlichte das schwedische Entwicklerstudio Zoink Games im Jahr 2021 ein ungewöhnliches Action-Adventure, das sich mutig von gängigen Genremustern absetzte. Die Geschichte rund um das Mädchen Even und ihren lebendigen Würfel Dicey begeisterte durch eine surreale Ästhetik, ein eigenwilliges Kampfsystem und erzählerische Melancholie. Drei Jahre später kehrt die düstere Märchenwelt zurück – mit der Erweiterung The Eternal Die. Doch was bringt der neue Inhalt wirklich? Handelt es sich um einen vollwertigen erzählerischen Ausbau oder lediglich um einen atmosphärischen Nachschlag für Fans?
Wir haben The Eternal Die intensiv gespielt und sagen euch, ob der Ausflug in die Welt des Zufalls ein lohnenswerter Wurf ist.
Rückkehr in eine Welt des Würfelglücks
Wer sich an Lost in Random erinnert, denkt unweigerlich an die liebevoll düstere Welt, inspiriert von Tim Burton, Coraline und Alice im Wunderland. Auch in The Eternal Die bleiben diese stilistischen Merkmale erhalten – und werden sogar intensiviert. Die Erweiterung spielt zeitlich nach dem Finale des Hauptspiels und wirft Even in eine neue Dimension der Unsicherheit: eine Welt, in der Zeit, Entscheidung und Wiederholung zentral werden.

Thematisch dreht sich alles um das Konzept der „Ewigkeit“ – eingebettet in eine Erzählung über Erinnerung, Verlust und den Versuch, Dinge zu kontrollieren, die dem Zufall unterliegen. Eine vielschichtige Prämisse, die durchaus Potenzial bietet.
Eine neue Region, eine alte Begleiterin
Im Zentrum der Erweiterung steht die neue Zone Twilight Verge – ein Gebiet, das im Vergleich zu den sechs Welten des Hauptspiels kompakter ist, dafür aber deutlich dichter erzählt wird. Es handelt sich nicht um eine offene Welt im klassischen Sinn, sondern um ein verzweigtes Netzwerk aus miteinander verbundenen Arealen, die auf unterschiedliche Art erkundet werden können.

Die Rückkehr von Dicey, Eves charismatischem Würfelbegleiter, ist selbstverständlich – doch der kleine Quader wurde mit neuen Fähigkeiten ausgestattet, die das Kampfsystem deutlich erweitern. Neu hinzugekommen ist etwa die Möglichkeit, Würfe „aufzuladen“, wodurch Spieler mehr Einfluss auf ihre Taktik erhalten.
Kampfmechanik: Altbewährtes trifft auf neue Kartenvielfalt
Das eigentümliche Kampfsystem von Lost in Random – eine Mischung aus Echtzeitkampf, Würfelwürfen und Kartenspielmechanik – war schon im Hauptspiel das Alleinstellungsmerkmal. The Eternal Die erweitert dieses System um mehrere neue Kartenarten, darunter die sogenannten Chrono-Karten.
Diese erlauben es, bestimmte Effekte zeitlich zu versetzen oder verzögert auszulösen, was zusätzliche strategische Tiefe erzeugt. So kann beispielsweise ein Bereichsschaden platziert werden, der erst im nächsten Zug aktiviert wird – ideal, um Gegner in eine Falle zu locken.
Zudem gibt es Synergieeffekte, die bestimmte Kartenkombinationen belohnen. Wer experimentierfreudig ist, kann so sein Deck an sehr spezifische Spielstile anpassen. Besonders positiv: Alte Karten aus dem Hauptspiel bleiben erhalten, müssen aber in ein neues Decksystem eingebunden werden, das mehr Individualisierung zulässt.
Der neue Fortschrittspfad
Spieler erhalten mit der Erweiterung Zugriff auf einen erweiterten Talentbaum für Even, der deutlich vielfältiger als im Hauptspiel ausfällt. Neue passive Boni, Fähigkeitenspezialisierungen und alternative Kampffähigkeiten können freigeschaltet werden – je nachdem, welche Entscheidungen man im Verlauf trifft.
Interessant ist hier die stärkere Verzahnung zwischen Story und Gameplay: Entscheidungen, die Even trifft, beeinflussen nicht nur den Fortgang der Handlung, sondern auch, welche Pfade im Talentbaum geöffnet oder blockiert werden. Damit entsteht ein für ein Action-Adventure ungewöhnlich starkes Gefühl von Kontrolle und Verantwortung.
Storytelling: Philosophisch, emotional und mutig
Einer der größten Pluspunkte von The Eternal Die ist die narrative Qualität. Die Geschichte wagt sich in psychologischere Gefilde und behandelt Themen wie Vergänglichkeit, Wiederholungsschleifen und die Frage, ob man seine Vergangenheit neu schreiben kann – oder überhaupt sollte.
Neue Figuren wie der gesichtslose Chronist, der stets in der dritten Person über sich selbst spricht, oder die Orakel-Dame mit drei Persönlichkeiten sind eindrucksvoll inszeniert und unterstreichen die surreale Stimmung. Dialoge bleiben wie im Hauptspiel zwischen Poesie, Melancholie und schrägem Humor angesiedelt – ein Spagat, den kaum ein anderes Spiel so kunstvoll meistert.
Die Sprachausgabe (vor allem auf Englisch) trägt maßgeblich zur Atmosphäre bei. Wer gerne liest oder zuhört, wird mit tiefgründigen Monologen und überraschenden philosophischen Denkanstößen belohnt.
Erkundung und Weltgestaltung: Dichte statt Weite
Twilight Verge ist in Bezug auf die Fläche kleiner als die Areale aus dem Hauptspiel, bietet jedoch deutlich mehr Interaktion pro Quadratmeter. Spieler stoßen regelmäßig auf versteckte Events, alternative Wege, NPCs mit kleinen Quests oder visuelle Hinweise, die in neue Rätsel münden.
Das Leveldesign belohnt Neugier, ohne überfordernd zu wirken. Eine Mini-Karte hilft bei der Orientierung, aber die Wegeführung bleibt organisch – man verliert sich eher, weil man will, nicht weil man muss.
Besonders gelungen ist die vertikale Erschließung: Plattformen, Aufzüge, versteckte Wege hinter Mauern oder mechanische Puzzle sorgen für Abwechslung und ein Gefühl von Tiefe. Ein neues Hilfsmittel – ein Greifhaken – erlaubt es zudem, bestimmte Punkte schneller zu erreichen.
Nebenaktivitäten: Sinnvolle Ergänzungen statt Ablenkung
Ein zentrales Versprechen der Erweiterung war, Nebentätigkeiten nicht nur als Lückenfüller zu implementieren. Dieses Versprechen wird eingehalten: Statt Sammelmissionen oder banalen Fetch-Quests gibt es kleine Erzählbögen, die Charaktere weiterentwickeln oder Details zur Spielwelt liefern.
Ein Beispiel ist die Nebenaufgabe rund um einen vergesslichen Spielzeugmacher, dessen Erinnerungen in Fragmenten über die Karte verteilt sind. Wer sie findet, erfährt mehr über die Entstehung von Dicey – und erhält als Belohnung eine einzigartige Karte, die nur in dieser Quest freigeschaltet wird.
Dynamische Systeme: Wetter, Zeit und Wirkung
Die Erweiterung führt erstmals dynamische Umweltveränderungen ein: Ein Tag-Nacht-Zyklus verändert Beleuchtung, Gegnerverhalten und sogar manche Dialoge. Wettereffekte wie Nebel, Regen oder Wind wirken sich auf die Sichtweite, Bewegungsgeschwindigkeit oder das Verhalten bestimmter Feinde aus.
Anders als in vielen Open-World-Spielen sind diese Elemente jedoch nicht nur kosmetisch, sondern eingebettet in das Storytelling. So wird etwa bei Nacht eine verborgene Route sichtbar, die am Tag von einem Lichtfeld versperrt ist.
Die Balance zwischen Atmosphäre und Spielmechanik ist hier hervorragend gelungen. Die Systeme sind präsent, drängen sich aber nicht auf – sie ergänzen das Spielerlebnis, statt es zu dominieren.
Technik und Performance
Technisch macht die Erweiterung eine insgesamt gute Figur. Auf PC, PS5 und Xbox Series X/S läuft das Spiel stabil, flüssig und mit spürbar verbesserter Ladegeschwindigkeit gegenüber dem Hauptspiel. Texturen, Lichtstimmung und Animationen wirken überarbeitet, insbesondere die neuen Wettereffekte und Lichteffekte unterstreichen die künstlerische Präsentation.
Auf der Nintendo Switch hingegen kommt es zu Problemen: Längere Ladezeiten, Frame-Drops bei komplexeren Effekten und sichtbare Kompression der Texturen schmälern das Erlebnis. Wer die Wahl hat, sollte daher auf leistungsstärkeren Plattformen spielen.
Preis, Umfang und Wiederspielwert
Mit einer Spielzeit von rund 6–10 Stunden, abhängig von Spielstil und Erkundungsdrang, bietet The Eternal Die eine solide Erweiterung. Für einen Preis von ca. 14,99 € liegt die Erweiterung im fairen Bereich, besonders angesichts der erzählerischen Qualität und des stilistischen Aufwands.
Der Wiederspielwert ist gegeben, da Entscheidungen zu abweichenden Verläufen und alternativen Dialogen führen. Zudem lassen sich bestimmte Karten oder Talente nur auf bestimmten Pfaden freischalten.