Es ist eine der größten Comeback-Storys der Videospielgeschichte: Cyberpunk 2077, das bei seinem Launch im Dezember 2020 als eine der spektakulärsten Release-Pleiten in die Annalen einging, hat sich zum profitabelsten Titel von CD Projekt Red entwickelt. Im aktuellen Finanzbericht für das dritte Quartal 2025 verkündete CFO Piotr Nielubowicz den beeindruckenden Meilenstein: Das futuristische Rollenspiel hat die Marke von 35 Millionen verkauften Exemplaren überschritten – und damit The Witcher 3: Wild Hunt als Umsatzspitzenreiter des polnischen Studios abgelöst.
Schneller Erfolg als The Witcher 3: Die Zahlen sprechen für sich
Die Dimension dieses Erfolgs wird erst im direkten Vergleich deutlich: Während The Witcher 3 rund sechs Jahre benötigte, um die 30-Millionen-Marke zu knacken, erreichte Cyberpunk 2077 die 35-Millionen-Schwelle bereits nach weniger als fünf Jahren. Die Fünf-Jahres-Performance von Cyberpunk 2077 übertrifft damit die des Fantasy-Hits im gleichen Zeitraum – eine wichtige Veränderung in CD Projekt Reds langfristiger Verkaufsentwicklung.
Besonders bemerkenswert: Im dritten Quartal 2025 stiegen die Verkäufe von Cyberpunk 2077 und der Erweiterung Phantom Liberty um satte 118 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Die gesamten Verkaufserlöse des Unternehmens kletterten um 53 Prozent auf 349 Millionen PLN (circa 82,5 Millionen Euro) brutto beziehungsweise 193,5 Millionen PLN (etwa 45,7 Millionen Euro) netto.
Vom Albtraum-Launch zur Redemption: Die turbulente Geschichte
Um die Tragweite dieses Erfolgs zu verstehen, muss man sich den katastrophalen Start von Cyberpunk 2077 vor Augen führen. Nach mehreren Verschiebungen erschien das Spiel am 10. Dezember 2020 auf PC, PlayStation 4 und Xbox One – mit verheerenden technischen Problemen, besonders auf den Last-Gen-Konsolen.
Die Konsequenzen waren drastisch:
- Sony entfernte das Spiel vorübergehend aus dem PlayStation Store
- CD Projekt Red bot Rückerstattungen an
- Mehrere Sammelklagen wurden gegen das Unternehmen eingereicht
- Der Aktienkurs des Studios brach massiv ein
- Das Vertrauen der Gaming-Community war schwer beschädigt
Erst im Juni 2021 kehrte Cyberpunk 2077 in den digitalen Store von Sony zurück, nachdem CD Projekt Red die Performance als wieder zufriedenstellend einstufte. Doch das Studio gab nicht auf und investierte massiv in die Verbesserung des Spiels.
Die Wende: Updates, Patches und Phantom Liberty
Der Wendepunkt kam mit dem umfassenden Update 2.0 im September 2023, das grundlegende Systeme des Spiels überarbeitete. Parallel dazu erschien die hochgelobte Erweiterung Phantom Liberty, die neue Maßstäbe für Story-DLCs setzte und von Kritikern als “eine der besten Cyberpunk-Geschichten in einem Videospiel” gefeiert wurde.
Die technischen Verbesserungen waren umfangreich:
- Komplett überarbeitetes Polizei-System
- Verbessertes Fahrzeug-Handling
- Neugestalteter Skill-Tree
- Optimierte Performance auf allen Plattformen
- Hunderte behobene Bugs und Glitches
Diese kontinuierliche Arbeit zahlte sich aus: Das Spiel stabilisierte sich über die Jahre und konnte sich weit über den ursprünglichen Hype hinaus kontinuierlich verkaufen.
Plattform-Expansion als Wachstumstreiber
Ein entscheidender Faktor für den anhaltenden Erfolg war die strategische Erweiterung auf neue Plattformen. Im Jahr 2024 und 2025 erschien Cyberpunk 2077 auf mehreren zusätzlichen Systemen:
| Plattform | Release-Datum | Besonderheit |
|---|---|---|
| Nintendo Switch 2 | Juni 2025 | Technisch überraschend gut umgesetzt |
| Apple Silicon Macs | Juli 2025 | Erschloss neue Zielgruppe |
| PlayStation Plus | 2025 | Extra & Premium Stufen |
| PS5/Xbox Series X|S | Februar 2022 | Native Next-Gen-Versionen |
Besonders die Switch-2-Version sorgte für Aufsehen. Trotz der technischen Limitierungen der Handheld-Konsole gelang es CD Projekt Red, eine spielbare und visuell ansprechende Version zu liefern. Die Integration in PlayStation Plus Extra und Premium steigerte das Interesse zusätzlich und kurbelte – entgegen anfänglicher Befürchtungen – auch die Verkäufe der Phantom Liberty-Erweiterung an.
Organisches Wachstum trotz Abo-Modellen
Eine besonders bemerkenswerte Erkenntnis aus dem Finanzbericht: Die “organischen Verkäufe” von Cyberpunk 2077 und Phantom Liberty auf bestehenden Plattformen sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen – und das trotz der Verfügbarkeit im PlayStation Plus-Abo. Dies widerlegt die häufig geäußerte Befürchtung, dass Abonnement-Dienste den Direktverkäufen schaden würden.
CFO Piotr Nielubowicz betonte in der Telefonkonferenz am 26. November 2025, dass Cyberpunk 2077 zur “Haupteinnahmequelle” des Studios geworden ist. Diese Aussage markiert einen historischen Moment für CD Projekt Red, das jahrzehntelang vor allem mit der Witcher-Reihe assoziiert wurde.
Cyberpunk 2: Die Fortsetzung nimmt Fahrt auf
Der Erfolg von Cyberpunk 2077 legt den Grundstein für die Zukunft der Franchise. Die Arbeit an der Fortsetzung, intern als “Projekt Orion” oder Cyberpunk 2 bezeichnet, wird massiv hochgefahren. Laut dem aktuellen Geschäftsbericht arbeiten mittlerweile 135 Entwickler am Projekt – ein deutlicher Anstieg gegenüber 116 im Juli 2025.
Die Teams verteilen sich auf drei Standorte:
- Warschau (Polen): Hauptsitz und Koordinationszentrum
- Boston (USA): Derzeit in der Skalierungsphase
- Vancouver (Kanada): Unterstützung bei Entwicklung
CD Projekt Red plant, die Teamgröße für Cyberpunk 2 bis Ende 2027 auf rund 430 Mitarbeiter zu erhöhen – mehr als eine Verdreifachung der aktuellen Kapazität. Diese frühzeitige Investition in Personal und Infrastruktur soll sicherstellen, dass die Fehler des ersten Teils nicht wiederholt werden.
The Witcher 4: Weiterhin höchste Priorität
Trotz des Erfolgs von Cyberpunk 2077 bleibt The Witcher 4 das Flaggschiff-Projekt von CD Projekt Red. Mit 447 Entwicklern (Stand Oktober 2025) ist es das größte Projekt in der Unternehmensgeschichte. Das Spiel erhielt bei den Game Awards 2025 bereits eine Nominierung als “Most Anticipated Game” – und das, obwohl das Studio noch keine offizielle Marketingkampagne gestartet hat.
Eine kürzlich gezeigte interne Technikdemo sorgte für Aufsehen: Die präsentierte Szene lief auf einer PlayStation 5 mit stabilen 60 FPS, was auf einen fortgeschrittenen Entwicklungsstand hindeutet. Inhaltlich deutet vieles darauf hin, dass Ciri eine zentrale Rolle einnehmen wird, während Geralts Rückkehr weiterhin offen bleibt.
Mitarbeiter-Wachstum: CD Projekt Red rüstet auf
Die Personalentwicklung bei CD Projekt Red spiegelt die ambitionierten Pläne des Studios wider. Zwischen Juli und Oktober 2025 wuchs die Gesamtbelegschaft von 799 auf 851 Mitarbeiter – ein Anstieg von 6,51 Prozent in nur drei Monaten.
| Projekt | Entwickler (Juli 2025) | Entwickler (Oktober 2025) | Wachstum |
|---|---|---|---|
| The Witcher 4 | 444 | 447 | +3 |
| Cyberpunk 2 | 116 | 135 | +19 |
| Projekt Sirius | 51 | 56 | +5 |
| Projekt Hadar | 22 | 29 | +7 |
| Services | 149 | 162 | +13 |
| Sonstiges | 17 | 22 | +5 |
Besonders auffällig ist der Personalzuwachs bei Cyberpunk 2 mit 19 neuen Entwicklern – der größte Sprung aller Projekte. Dies unterstreicht die strategische Bedeutung der Franchise für die Zukunft des Unternehmens.
Community-Reaktionen: Von Hass zu Liebe
Die Transformation von Cyberpunk 2077 spiegelt sich auch in der Community-Wahrnehmung wider. Während das Spiel 2020 noch als Synonym für gescheiterte Launches galt, hat es sich mittlerweile zu einem der am höchsten bewerteten Titel auf Steam entwickelt. Mit einer “Sehr positiv”-Bewertung und über 600.000 Reviews gehört es zu den beliebtesten Rollenspielen der Plattform.
Spieler loben besonders:
- Die dichte, atmosphärische Spielwelt von Night City
- Die verzweigte, emotional packende Story
- Die Charaktertiefe und Dialoge
- Die Verbesserungen durch Updates
- Die Qualität der Phantom Liberty-Erweiterung
Ein Reddit-Nutzer brachte es auf den Punkt: “Cyberpunk 2077 ist das perfekte Beispiel dafür, dass ein Studio aus Fehlern lernen und ein Spiel retten kann. Respekt an CD Projekt Red für die Hingabe.”
Wirtschaftliche Bedeutung für CD Projekt Red
Die finanziellen Auswirkungen des Cyberpunk-Erfolgs sind enorm. CD Projekt verzeichnete im dritten Quartal 2025 einen Umsatzsprung von 53 Prozent. Der Großteil dieser Einnahmen stammt aus dem Backkatalog, allen voran Cyberpunk 2077 und Phantom Liberty.
Diese finanzielle Stabilität ermöglicht es dem Studio, gleichzeitig an mehreren AAA-Projekten zu arbeiten:
- The Witcher 4: Neue Trilogie mit Ciri im Fokus
- Cyberpunk 2: Fortsetzung der Night City-Saga
- Projekt Sirius: Witcher-Spin-off mit Multiplayer-Elementen
- Projekt Hadar: Komplett neue IP in früher Entwicklung
Technische Innovationen und Lessons Learned
CD Projekt Red hat aus dem Cyberpunk-Debakel wichtige Lektionen gezogen, die in zukünftige Projekte einfließen. Michał Nowakowski, Co-CEO des Unternehmens, betonte in einem Interview: “Wir haben gelernt, dass wir realistischere Zeitpläne brauchen und nicht für veraltete Hardware entwickeln sollten, wenn das Spiel für Next-Gen konzipiert ist.”
Konkrete Verbesserungen für zukünftige Projekte:
- Längere Testphasen vor Release
- Fokus auf weniger, aber stabilere Plattformen zum Launch
- Transparentere Kommunikation mit der Community
- Frühere Integration von Feedback aus Playtests
- Keine unrealistischen Marketing-Versprechen
Ausblick: Die Zukunft der Cyberpunk-Franchise
Mit 35 Millionen verkauften Exemplaren und einer wachsenden Fanbase ist Cyberpunk zu einer tragenden Säule von CD Projekt Red geworden. Die Franchise expandiert über das Gaming hinaus:
- Cyberpunk: Edgerunners: Erfolgreiche Netflix-Anime-Serie (Staffel 2 angekündigt)
- Cyberpunk 2077: Ultimate Edition: Komplettpaket mit allen Inhalten
- Merchandise & Collectibles: Wachsender Markt für Fanartikel
- Tabletop-Spiele: Erweiterungen zum ursprünglichen Cyberpunk-RPG
Die Erwartungen an Cyberpunk 2 sind entsprechend hoch. Das Studio hat angekündigt, dass die Fortsetzung von Anfang an für aktuelle Hardware entwickelt wird und die Fehler des Vorgängers vermeiden soll. Ein Release vor 2027 gilt als unwahrscheinlich, doch die Community zeigt sich geduldig – ein Luxus, den CD Projekt Red nach dem ersten Teil hart erarbeiten musste.
Eine beispiellose Redemption-Story
Cyberpunk 2077 ist mehr als nur ein kommerzieller Erfolg – es ist ein Lehrstück über Durchhaltevermögen, Community-Management und die Kraft kontinuierlicher Verbesserung. Von einem der größten Gaming-Desaster zum profitabelsten Titel von CD Projekt Red: Diese Transformation ist in der Videospielgeschichte nahezu beispiellos.
Die 35 Millionen verkauften Exemplare sind nicht nur eine Zahl, sondern ein Zeugnis dafür, dass Spieler bereit sind, einem Studio eine zweite Chance zu geben – vorausgesetzt, es zeigt echtes Engagement zur Verbesserung. Mit The Witcher 4 und Cyberpunk 2 am Horizont steht CD Projekt Red vor seiner bisher stärksten Phase. Die Frage ist nicht mehr, ob das Studio großartige Spiele entwickeln kann, sondern ob es aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.
Eines ist sicher: Night City wird noch lange leuchten, und die Zukunft der Cyberpunk-Franchise sieht strahlender aus denn je.