CD Projekt RED, das polnische Entwicklerstudio hinter Blockbustern wie The Witcher 3 und Cyberpunk 2077, hat sich klar zu seiner Entwicklungsphilosophie bekannt. Trotz der enormen Erfolge und des prägenden Einflusses von Baldur’s Gate 3 auf das RPG-Genre will das Studio seiner charakteristischen Open-World-Formel treu bleiben. In einem Interview mit PC Gamer erklärte Co-CEO Michal Nowakowski die strategische Ausrichtung für kommende Projekte.
Baldur’s Gate 3: Der neue Maßstab für Rollenspiele
Als Larian Studios im August 2023 Baldur’s Gate 3 veröffentlichte, veränderte sich die Landschaft der Rollenspiele fundamental. Das Spiel wurde nicht nur zum kommerziellen Erfolg mit über 15 Millionen verkauften Exemplaren, sondern gewann auch nahezu jeden wichtigen Preis der Branche, darunter den begehrten “Game of the Year”-Titel bei den Game Awards 2023.
Was Baldur’s Gate 3 so besonders macht, ist die beispiellose Entscheidungsfreiheit und die Art, wie Spieleraktionen die Geschichte und die gesamte Spielwelt konsequent verändern. Jede Entscheidung hat spürbare Konsequenzen, Dialoge verzweigen sich in unzählige Richtungen, und selbst scheinbar nebensächliche Handlungen können später dramatische Auswirkungen haben. Diese Tiefe setzte neue Maßstäbe für das Genre.
Die technische Umsetzung basiert auf dem Dungeons & Dragons-Regelwerk der 5. Edition und bietet rundenbasierte Kämpfe mit taktischer Tiefe. Die Kombination aus narrativer Freiheit, komplexen Charaktersystemen und einer lebendigen Welt machte das Spiel zu einem Phänomen, das die Erwartungen an moderne RPGs neu definierte.
CD Projekt REDs Reaktion: Respekt, aber keine Nachahmung
In einem Interview mit PC Gamer äußerte sich Michal Nowakowski, Co-CEO von CD Projekt RED, zu Baldur’s Gate 3 und dessen Einfluss auf die eigene Entwicklung. “Was Baldur’s Gate 3 gemacht hat, war eine große Inspiration”, bestätigte er. Gleichzeitig stellte er jedoch klar: “Aber ich denke, wir bleiben weiterhin bei dem, was in Witcher 3 und Cyberpunk war. Aber wir wollen nicht einfach nur ein weiteres Spiel dieser Art machen, nur mit besserer Grafik. Wir wollen innovativ sein.”
Diese Aussage ist bemerkenswert, da sie sowohl Respekt vor Larians Leistung zeigt als auch das Selbstbewusstsein des Studios unterstreicht. CD Projekt RED hat mit The Witcher 3: Wild Hunt (2015) und Cyberpunk 2077 (2020, trotz holprigem Start) bewiesen, dass ihre Open-World-Formel funktioniert. The Witcher 3 verkaufte sich über 50 Millionen Mal und gilt als eines der besten Spiele aller Zeiten.
Die CD Projekt RED-Formel: Was sie ausmacht
| Aspekt | CD Projekt RED | Larian Studios (BG3) |
|---|---|---|
| Spielwelt | Nahtlose Open World, Echtzeit-Erkundung | Große, aber segmentierte Gebiete |
| Kampfsystem | Action-basiert, Echtzeit | Rundenbasiert, taktisch |
| Erzählweise | Kinematisch, Third-Person | Isometrisch, klassisches CRPG |
| Charaktersystem | Vordefinierter Protagonist mit Anpassung | Vollständig anpassbarer Charakter |
| Entscheidungen | Bedeutsam, aber narrativ geführt | Extrem frei, systemisch |
| Technologie | REDengine / Unreal Engine 5 | Divinity Engine 4.0 |
Die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen sind fundamental. Während Baldur’s Gate 3 auf klassische CRPG-Mechaniken setzt – isometrische Perspektive, rundenbasierte Kämpfe, vollständige Charakteranpassung – verfolgt CD Projekt RED einen cineastischeren Ansatz mit Action-Kampfsystem, Third-Person-Perspektive und narrativ stärker geführten Protagonisten.
Keine Larian-Kopie: CDPR bleibt sich treu
“Wir werden definitiv kein Spiel machen, wie Larian es gemacht hat”, stellte Nowakowski unmissverständlich klar. “Das ist die Art von Spiel, die sie machen können. Aber vieles, was die Interaktion mit der Welt und deren Auswirkungen angeht, war für uns mit Sicherheit eine Inspiration.”
Diese Aussage ist strategisch klug. CD Projekt RED erkennt an, dass Larian Studios mit Baldur’s Gate 3 etwas Außergewöhnliches geschaffen hat, macht aber deutlich, dass eine direkte Nachahmung weder sinnvoll noch gewünscht ist. Stattdessen will man die Lehren aus BG3 – insbesondere die tiefe Weltinteraktion und die Konsequenzen von Spielerentscheidungen – in die eigene Open-World-Formel integrieren.
Dieser Ansatz ist nachvollziehbar. CD Projekt RED hat über Jahre hinweg Expertise in der Entwicklung von Open-World-RPGs aufgebaut. Ein radikaler Wechsel zu rundenbasierten, isometrischen Spielen würde nicht nur die Stärken des Studios ignorieren, sondern auch die Erwartungen der Fanbase enttäuschen.
Innovation statt Iteration: Die Zukunft von Witcher und Cyberpunk
Nowakowski betonte, dass CD Projekt RED nicht einfach “ein weiteres Spiel dieser Art machen will, nur mit besserer Grafik”. Innovation steht im Vordergrund. Wie genau sich die Inspiration durch Baldur’s Gate 3 manifestieren wird, verriet der Co-CEO nicht. Branchenbeobachter spekulieren jedoch über mögliche Verbesserungen:
- Tiefere Weltinteraktion: Mehr Möglichkeiten, mit der Umgebung zu interagieren und sie zu verändern
- Konsequentere Entscheidungen: Spieleraktionen mit weitreichenderen und sichtbareren Auswirkungen
- Verbesserte KI: NPCs, die dynamischer auf Spielerverhalten reagieren
- Systemische Gameplay-Elemente: Mehr emergentes Gameplay durch interagierende Systeme
- Erweiterte Dialogoptionen: Noch mehr Verzweigungen und Reaktionsmöglichkeiten in Gesprächen
Diese Verbesserungen würden die Stärken von CD Projekt RED – cineastisches Storytelling, atmosphärische Open Worlds, charismatische Charaktere – mit den Innovationen von Baldur’s Gate 3 verbinden, ohne die eigene Identität aufzugeben.
The Witcher 4: Frühestens 2027
Das nächste große Projekt von CD Projekt RED ist The Witcher 4, das sich derzeit in der Hauptentwicklungsphase befindet. Laut einem Geschäftsbericht vom März 2025 ist mit einer Veröffentlichung frühestens im Jahr 2027 zu rechnen. Das Spiel wird die erste Hauptepisode der Witcher-Reihe seit The Witcher 3: Wild Hunt (2015) sein.
Über die Handlung ist noch wenig bekannt, aber das Studio hat bestätigt, dass Ciri, Geralts Ziehtochter, eine zentrale Rolle spielen wird. Ob sie die spielbare Protagonistin sein wird, wurde noch nicht offiziell bestätigt, aber zahlreiche Hinweise deuten darauf hin. Die Entwicklung erfolgt mit der Unreal Engine 5, ein Wechsel von der hauseigenen REDengine.
Dieser Engine-Wechsel ist bedeutsam. Die Unreal Engine 5 bietet modernste Technologien wie Nanite (virtualisierte Geometrie) und Lumen (dynamische Beleuchtung), die The Witcher 4 visuell auf ein neues Level heben könnten. Gleichzeitig erleichtert die Verwendung einer etablierten Engine die Entwicklung und Rekrutierung von Talenten.
Cyberpunk 2: Release erst 2030 oder 2031
Noch länger müssen Fans auf die Fortsetzung von Cyberpunk 2077 warten. Nachdem das Projekt im Mai 2025 die Vorproduktionsphase erreicht hat, erklärte CFO Piotr Nielubowicz, dass ein Release im Jahr 2030 oder 2031 realistisch sei. Das bedeutet eine Wartezeit von mindestens fünf bis sechs Jahren.
Diese lange Entwicklungszeit ist nachvollziehbar. CD Projekt RED möchte die Fehler von Cyberpunk 2077 nicht wiederholen, das bei Launch 2020 in einem technisch katastrophalen Zustand erschien. Der desaströse Start führte zu Rückerstattungen, Klagen und einem massiven Reputationsschaden. Erst nach Jahren intensiver Patches und dem Phantom Liberty-DLC (2023) erreichte das Spiel den Zustand, den es von Anfang an hätte haben sollen.
Für Cyberpunk 2 nimmt sich das Studio daher bewusst mehr Zeit. Die Vorproduktionsphase dient dazu, die Vision des Spiels zu definieren, Prototypen zu erstellen und technische Grundlagen zu schaffen. Erst wenn diese Phase abgeschlossen ist, beginnt die eigentliche Hauptproduktion mit dem vollen Team.
CD Projekt REDs Boston-Studio: Verstärkung für Cyberpunk 2
Interessanterweise hat CD Projekt RED kürzlich seine Niederlassung in Boston personell verstärkt. Laut LinkedIn-Profilen konnten mehrere namhafte Entwickler verpflichtet werden, die zuvor an Titeln wie Fallout, The Elder Scrolls und Mass Effect gearbeitet haben. Diese Verstärkung dürfte vor allem der Geschichte und den Quests von Cyberpunk 2 zugutekommen.
Das Boston-Studio wurde 2021 gegründet und konzentriert sich primär auf die Cyberpunk-Franchise. Die Rekrutierung erfahrener Narrative Designer und Quest Designer zeigt, dass CD Projekt RED die Storytelling-Qualität weiter verbessern möchte – ein Bereich, in dem das Studio bereits stark ist, aber offenbar noch Potenzial sieht.
Die Konkurrenz schläft nicht: Andere Studios reagieren auf BG3
CD Projekt RED ist nicht das einzige Studio, das auf den Erfolg von Baldur’s Gate 3 reagiert. Die gesamte RPG-Branche hat die Messlatte höher gelegt bekommen. Bioware arbeitet an Dragon Age: Dreadwolf, Bethesda an The Elder Scrolls VI, und Obsidian Entertainment entwickelt Avowed – alles Spiele, die in einer Post-BG3-Welt erscheinen und sich an den neuen Standards messen lassen müssen.
Einige Studios haben bereits angekündigt, ihre Ansätze zu überdenken. Bioware-Entwickler sprachen in Interviews davon, dass Baldur’s Gate 3 sie dazu inspiriert habe, die Konsequenzen von Spielerentscheidungen noch ernster zu nehmen. Obsidian, selbst ein Veteran im CRPG-Genre, lobte Larians Arbeit und sieht sie als Motivation, die eigenen Standards zu erhöhen.
Larian Studios nach Baldur’s Gate 3: Keine DLCs, neue Projekte
Interessanterweise hat Larian Studios angekündigt, keine DLCs oder Erweiterungen für Baldur’s Gate 3 zu entwickeln. Stattdessen arbeitet das belgische Studio bereits an zwei neuen, noch nicht angekündigten Projekten. Diese Entscheidung überraschte viele, da DLCs für ein so erfolgreiches Spiel normalerweise lukrativ sind.
Larian-Chef Swen Vincke erklärte, dass das Studio lieber neue Welten und Geschichten erschaffen möchte, als sich jahrelang mit demselben Projekt zu beschäftigen. Diese kreative Freiheit ist möglich, weil Larian unabhängig ist und keinem Publisher Rechenschaft schuldet. Die Entscheidung zeigt auch das Selbstbewusstsein eines Studios, das weiß, dass es weitere Hits landen kann.
Finanzielle Perspektive: CD Projekt REDs Geschäftsstrategie
CD Projekt RED verfolgt eine langfristige Geschäftsstrategie mit mehreren parallelen Projekten. Neben The Witcher 4 und Cyberpunk 2 arbeitet das Studio an einem weiteren Witcher-Spiel (Codename: Sirius), das von einem externen Studio entwickelt wird, sowie an einer neuen IP (Codename: Hadar).
Diese Diversifikation ist strategisch klug. Sollte ein Projekt Probleme haben, stehen andere in der Pipeline. Gleichzeitig ermöglicht es dem Studio, verschiedene Genres und Zielgruppen anzusprechen. The Witcher 4 bedient Fans mittelalterlicher Fantasy, Cyberpunk 2 spricht Sci-Fi-Enthusiasten an, und die neue IP könnte völlig neue Territorien erschließen.
Finanziell steht CD Projekt RED solide da. Trotz der Probleme beim Launch von Cyberpunk 2077 hat sich das Spiel mittlerweile über 30 Millionen Mal verkauft. The Witcher 3 generiert auch zehn Jahre nach Release noch Einnahmen durch Sales und die Netflix-Serie hat das Interesse an der Franchise neu entfacht.
Community-Reaktionen: Geteilte Meinungen
Die Ankündigung, dass CD Projekt RED an seiner Formel festhält, wurde von der Community gemischt aufgenommen. Viele Fans begrüßen die Entscheidung und argumentieren, dass die Stärken des Studios in Action-RPGs liegen. Sie schätzen die cineastische Präsentation, die atmosphärischen Welten und die charismatischen Charaktere, die CD Projekt RED auszeichnen.
Andere hätten sich gewünscht, dass das Studio mutiger experimentiert. Sie argumentieren, dass Baldur’s Gate 3 gezeigt hat, wie viel Potenzial in tieferen, systemischeren RPG-Mechaniken steckt. Die Sorge ist, dass CD Projekt RED zu konservativ agiert und Chancen für echte Innovation verpasst.
Ein dritter Teil der Community ist pragmatisch: Sie vertrauen darauf, dass CD Projekt RED die richtigen Lehren aus Baldur’s Gate 3 zieht, ohne die eigene Identität aufzugeben. Diese Gruppe betont, dass es Platz für verschiedene Arten von RPGs gibt und nicht jedes Spiel Baldur’s Gate 3 sein muss.
Evolution statt Revolution
CD Projekt REDs Ansatz lässt sich als “Evolution statt Revolution” zusammenfassen. Das Studio erkennt die Innovationen von Baldur’s Gate 3 an und lässt sich davon inspirieren, plant aber keine radikale Neuausrichtung. Stattdessen will man die bewährte Open-World-Formel verfeinern und mit neuen Ideen anreichern.
Dieser Ansatz ist nachvollziehbar und wahrscheinlich der richtige Weg. CD Projekt RED hat mit The Witcher 3 bewiesen, dass ihre Formel funktioniert. Die Herausforderung wird sein, die Lehren aus Baldur’s Gate 3 – tiefere Weltinteraktion, konsequentere Entscheidungen, systemischeres Gameplay – zu integrieren, ohne die eigenen Stärken zu verwässern.
Ob dieser Balanceakt gelingt, werden wir frühestens 2027 mit The Witcher 4 sehen. Bis dahin bleibt die Frage offen, ob CD Projekt REDs Formel in einer Post-Baldur’s Gate 3-Welt noch ausreicht oder ob das Studio doch mutiger innovieren muss, um mit den gestiegenen Erwartungen Schritt zu halten.