Die Hoffnungen vieler Fans sind geplatzt: Amazon Games hat offenbar die Entwicklung seines geplanten Herr-der-Ringe-MMOs eingestellt. Wie aus internen Quellen und einem LinkedIn-Post einer ehemaligen Entwicklerin hervorgeht, wurde das Projekt zusammen mit Teilen des Teams von New World beendet. Damit verliert Amazon innerhalb kurzer Zeit zwei seiner wichtigsten Online-Projekte – und steht erneut vor der Frage, wie es mit der Games-Sparte weitergehen soll.
Ein Projekt mit großen Erwartungen
Das neue MMO in Tolkiens Universum war seit 2023 in Entwicklung und sollte in Kooperation mit der Embracer Group entstehen, die seit dem Kauf der Middle-earth Enterprises sämtliche Rechte an der Marke Der Herr der Ringe und Der Hobbit hält. Ziel war es, eine Online-Welt zu erschaffen, die über die eingeschränkten Lizenzrechte früherer Adaptionen hinausgeht – mit vollständigem Zugriff auf Orte, Charaktere und Geschichten aus Tolkiens Mythologie. Laut internen Berichten befand sich das Spiel in einer frühen Alpha-Phase.
Im Gegensatz zu dem noch aktiven Der Herr der Ringe Online von Standing Stone Games sollte Amazons Version ein modernes, visuell aufwendiges MMORPG werden – mit Fokus auf offene Welt, kooperativem Gameplay und einem systemübergreifenden Fortschrittssystem. Erste Konzeptbilder und frühe Gameplay-Prototypen kursierten bereits intern, ehe das Projekt nun offenbar gestoppt wurde.
Das Ende kam mit den Entlassungen
Wie die Gameplay-Engineerin Ashleigh Amrine auf LinkedIn berichtete, war sie Teil der jüngsten Entlassungswelle bei Amazon Games, die sowohl Mitarbeiter von New World als auch vom noch unveröffentlichten Lord of the Rings-Projekt traf. In einem inzwischen überarbeiteten Beitrag schrieb sie: „Heute Morgen war ich Teil der Entlassungen bei Amazon Games, zusammen mit meinen unglaublich talentierten Kollegen von New World und unserem noch jungen Lord of the Rings-Spiel (das euch allen gefallen hätte).“
Der Satz „das euch allen gefallen hätte“ wurde später entfernt – ein Hinweis darauf, dass die Projektabsage intern noch nicht offiziell kommuniziert war. Fakt ist: Nach massiven Kostensenkungen und über 14.000 Entlassungen weltweit im Mutterkonzern Amazon sind auch die Studios in Irvine (Kalifornien) und San Diego betroffen, die beide an MMOs gearbeitet hatten.
Ein Déjà-vu: Amazons zweiter gescheiterter Versuch
Es ist nicht das erste Mal, dass Amazon ein Herr-der-Ringe-MMO stoppt. Bereits 2019 war ein ähnliches Projekt in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Entwickler Leyou Technologies angekündigt worden. Nachdem Tencent Leyou im Jahr 2021 übernahm, kam es zu Vertragsstreitigkeiten, woraufhin das Projekt endgültig eingestellt wurde. Das nun eingestellte MMO war also Amazons zweiter Anlauf, Mittelerde digital zu erobern – und erneut blieb es bei einer gescheiterten Vision.
Derzeit bleibt Der Herr der Ringe Online das einzige aktive MMO im Tolkien-Universum. Trotz seines Alters – das Spiel feierte 2025 sein 18. Jubiläum – erfreut es sich dank kontinuierlicher Updates und neuer Erweiterungen weiterhin großer Beliebtheit.
Infobox: Amazons aktuelle Games-Projekte
- New World: Aeternum – Re-Release für Konsolen im September 2025, Support eingestellt
- Herr der Ringe MMO – Entwicklung beendet (2025)
- Blue Protocol (Co-Publishing mit Bandai Namco) – weiterhin aktiv, Updates 2026 geplant
- Throne and Liberty – westlicher Vertrieb durch Amazon Games, Live-Service läuft
- Lost Ark – weiterhin im Betrieb, Fokus auf Content-Updates
Wirtschaftlicher Kontext: Amazon Games in der Krise?
Mit der Einstellung von zwei großen Projekten innerhalb eines Jahres steht Amazon Games vor einem strategischen Wendepunkt. Branchenanalysten sehen darin ein Zeichen für die anhaltenden Schwierigkeiten, ein nachhaltiges Spiele-Ökosystem aufzubauen. Während Amazon im Streaming- und Cloud-Segment (Prime Video, AWS, Luna) Marktführer ist, bleibt der Erfolg in der Gaming-Branche begrenzt. New World startete 2021 stark, verlor jedoch in den Folgejahren kontinuierlich Spielerzahlen und wurde 2025 nach der Veröffentlichung von Aeternum endgültig eingestellt.
Amazon hatte ursprünglich das Ziel, ein eigenes Portfolio an Live-Service-Spielen zu schaffen, um langfristig Abo- und Mikrotransaktionserlöse zu generieren – ähnlich wie Microsoft mit Game Pass oder Activision Blizzard mit World of Warcraft. Doch fehlende Erfahrung in Community-Management und Studioführung führten laut Branchenberichten wiederholt zu internen Spannungen und Projektabbrüchen.
Was bleibt von Amazons MMO-Ambitionen?
Die Zukunft von Amazon Games liegt womöglich weniger in der Eigenentwicklung großer MMOs, sondern im Publishing und in Kooperationen mit erfahrenen Studios. Der Fokus könnte sich stärker auf unterstützende Rollen verlagern – wie bei Blue Protocol oder Throne and Liberty. Trotz Rückschlägen betont Amazon öffentlich, dass man weiter im Gaming-Sektor investieren wolle. Die langfristige Strategie soll sich stärker an nachhaltigen Partnerschaften und Cloud-Gaming-Diensten orientieren – insbesondere über Amazon Luna.
Für die Community der Herr der Ringe-Fans bleibt die Absage dennoch ein schmerzlicher Rückschlag. Nach Jahren der Hoffnung auf ein modernes Online-Erlebnis in Mittelerde ist die Zukunft des Franchises im MMO-Segment erneut ungewiss. Vielleicht bleibt es ironischerweise dem 18 Jahre alten Herr der Ringe Online vorbehalten, das Erbe weiterzutragen – ganz nach dem Motto: „Ein Spiel, sie alle zu knechten.“